Episodenzusammenfassung
Warum haben manche Kinder keine Angst vor Prüfungen — während die meisten Erwachsenen sie ihr Leben lang fürchten?
In der zweiten Episode von Randzonen-Geflüster trifft Nando Stöcklin auf Lini Lindmayer von Authentic Parenting. Zwischen Freilernen in Österreich und Freilernen in der Schweiz entsteht eine Randzone voller Reibung und Erkenntnis: zwei Länder, zwei Rechtssysteme, zwei völlig unterschiedliche Haltungen gegenüber Kindern, die zu Hause statt in der Schule lernen.
Das Wichtigste in Kürze
- Österreich: Kinder im häuslichen Unterricht legen jährlich eine Externistenprüfung ab — reine Lehrplan-Kontrolle, oft bei fremden Lehrpersonen.
- Schweiz (Kanton Bern): Statt einer Prüfung kommt einmal jährlich eine Fachperson nach Hause und lässt sich die Projekte der Kinder zeigen.
- Wie diese Vorgaben in der Praxis gelebt werden, hängt in beiden Ländern stark von der einzelnen Behörde oder Aufsichtsperson ab.
- Linis Kinder haben keine Angst vor der Prüfung — weil das Ergebnis für die Familie bewusst keine Konsequenz hat.
- Bei Nichtbestehen droht in Österreich der Schulzwang; Linis Familie zahlte bereits mehrfach Bussen, weil sie sich trotzdem gegen den Schulbesuch entschied.
- Beide Gastgeber:innen berichten von Betrieben, die Freilernende gerade wegen ihres selbstständigen Denkens schätzen.
Was ist eine Externistenprüfung — und wie unterscheidet sie sich vom Berner Modell?
In Österreich gehört zum häuslichen Unterricht die jährliche Externistenprüfung: eine reine Lehrplan-Abfrage, gesamtösterreichisch vorgeschrieben, aber je nach Bundesland und zuständiger Behörde sehr unterschiedlich gehandhabt. Die Prüfenden kennen das Kind oft nicht — es geht nur darum, ob der Lehrplan erfüllt wurde, nicht darum, was zu Hause tatsächlich gelernt wurde.
Im Kanton Bern läuft es umgekehrt: Statt einer Prüfung kommt einmal im Jahr jemand nach Hause, lässt sich die Projekte der Kinder zeigen und würdigt, was im Jahr entstanden ist. Nando beschreibt, wie sich der Charakter dieser Besuche über die Jahre gewandelt hat — von Kontrolle hin zu echter Unterstützung der Familie. Wie ein Nachweis in der Praxis gelebt wird, hängt in beiden Ländern stark von der einzelnen Aufsichtsperson ab: "Gesetze sind dehnbar und Auslegungssache", hat Lini kürzlich von einer befreundeten Familie im Verfahren gehört.
Warum haben Linis Kinder keine Angst vor der Prüfung?
Das Bemerkenswerteste im Gespräch: Linis Kinder freuen sich auf die Externistenprüfung. Kein Damoklesschwert, keine Angst — weil die Eltern von Anfang an klarmachen, dass das Ergebnis für die Familie keine Konsequenz hat. Es ist "einfach eine Momentaufnahme". Bei der 15-jährigen Tochter ging die Familie sogar den Weg der offenen Konfrontation: Sie verweigerte die Prüfung, es kam zur Anzeige und zu mehreren Bussen — und die Familie zahlte, weil ihr die Haltung der Tochter wichtiger war als der bequeme Weg.
Grossfamilienalltag zwischen Gleichungen und Chaos
Neun resp. vier Kinder, ein Zwölfjähriger mit anspruchsvollen Projekten neben Kleinkindern, die ganz andere Bedürfnisse haben — der Alltag ist zuweilen chaotisch. Sowohl bei Lini wie auch bei Nando reiben sich je zwei Kinder wie Katze und Maus; die Lösung, die sich in beiden Haushalten bewährt hat, ist pragmatisch: räumliche Trennung, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Kein Ideal von ständiger Harmonie — sondern ehrliches Beobachten, was gerade gebraucht wird. (Mehr zum Zusammenspiel von Nähe und Freiraum im Entfaltungsdreieck von Spiel dein Leben.)
Zwei eigene Wege: Büro und Werkstatt
Besonders eindrücklich wird das Gespräch bei Linis älteren Kindern. Die Tochter entschied sich nach dem freien Lernen bewusst für fünf Jahre höhere Schule, machte die Matura und arbeitet heute in einer Leitungsfunktion im Büro. Der Sohn dagegen fand über eine Tischlerlehre seinen Weg — sein Chef wollte eigentlich keine Lehrlinge mehr nehmen, entschied sich nach dem Schnuppern aber für ihn, weil er "wenigstens zusammenkehren" konnte und mitdachte. Heute schliesst er die Berufsschule mit ausgezeichnetem Erfolg ab und baut nebenbei ein eigenes Business auf — in Estland registriert, mit Business-Englisch, das er sich selbst über Videos beigebracht hat.
Finden Freilernende überhaupt eine Lehrstelle?
Nando bringt einen Zeitungsartikel über eine Schweizer Freilernschule ins Gespräch, dessen Kommentarspalte von Sorge geprägt war: Kinder, die "tun und lassen können, was sie wollen" — wie sollen die je eine Lehrstelle finden? Linis Erfahrung widerspricht dem deutlich: Selbstständig denkende junge Menschen, die nicht darauf warten, dass ihnen jemand sagt, was als Nächstes zu tun ist, sind in vielen Betrieben gerade deshalb gefragt.
Verkümmerte Pflänzchen
Zum Schluss weitet sich das Gespräch: Lini beschreibt unsere Gesellschaft als "Feld mit lauter verkümmerten Pflänzchen" — Menschen, die leben, aber nicht in ihrer vollen Grösse strahlen. Diese Verkümmerung beginnt lange vor der Frage nach dem Beruf. Nando und Lini sind sich einig: Besonders Männer tun sich oft schwerer, aus diesem Muster auszubrechen — geprägt von der Versorgerrolle und dem Gefühl, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Ein Gespräch, das zeigt: Freilernen ist nicht in erster Linie eine Frage von Gesetzen und Prüfungen, sondern von Vertrauen — in Kinder, und letztlich auch in sich selbst.
Häufige Fragen zu Freilernen in Österreich und der Schweiz
Ist häuslicher Unterricht in der Schweiz erlaubt?Ja, aber die Regelung ist in der Schweiz kantonal sehr unterschiedlich. Im Kanton Bern etwa reicht die Anmeldung bei der Bildungsaufsicht, mit einem jährlichen Hausbesuch statt einer Prüfung sowie mit Jahresplanung und Lernbericht. Andere Kantone stellen deutlich höhere Hürden.
Was ist eine Externistenprüfung? In Österreich müssen Kinder im häuslichen Unterricht jährlich eine Externistenprüfung ablegen, um nachzuweisen, dass sie den Lehrplan erfüllen. Die Prüfung ist gesamtösterreichisch vorgeschrieben, wird aber je nach Behörde unterschiedlich gehandhabt.
Was passiert, wenn ein Kind die Externistenprüfung nicht besteht oder verweigert? Laut Lini Lindmayer droht dann Schulzwang. Ihre Familie hat mehrfach Strafe bezahlt, weil ihre 15-jährige Tochter die Schule bewusst verweigerte.
Haben Freilernende Nachteile bei der Lehrstellensuche? Im Gespräch berichten beide Gastgeber:innen vom Gegenteil: Betriebe schätzen an ehemaligen Freilernenden oft das selbstständige Denken und die Eigeninitiative.
Gäste-Kurzbiografie
Lini Lindmayer begleitet seit Jahren Familien in Österreich auf dem freien Bildungsweg — als freischaffende Mutter von neun Kindern und Gründerin von Authentic Parenting. Den Begriff "selbstständig" vermeidet sie bewusst; sie nennt sich lieber freischaffend, weil sie frei schafft und selbst entscheidet, statt ständig in etwas gefangen zu sein.
Unter Authentic Parenting bietet Lini monatliche Themenräume, Impulsräume zu einzelnen Fragen und ab August einen neuen Jahresraum speziell für österreichische Familien auf dem freien Bildungsweg — mit Telegram-Austausch und monatlichem Zoom-Call.
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