30. April 2020

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Jäger und Sammler führten oft ein hartes, minimalistisches Leben. Trotzdem werden sie meistens als ausgesprochen zufrieden und humorvoll beschrieben. In diesem Artikel verrate ich, was das Geheimnis ihrer Zufriedenheit ist und weshalb uns die Gegenwart alle Möglichkeiten bietet, es ihnen gleichzutun.

10 typische Merkmale von Jäger- und Sammler-Kulturen

Jäger und Sammler gab es während Jahrtausenden überall auf der Welt. Einige Kulturen existieren noch heute, deshalb wähle ich die Gegenwartsform.

Es gibt verschiedenste Jäger- und Sammler-Kulturen, grössere und kleinere, kriegerische und friedfertige, nomadische und sesshafte. Deren Kulturen unterscheiden erheblich. Trotzdem lassen sich Merkmale herauskristallisieren, die sich zumindest bei kleineren, lose organisierten nomadischen Gruppen von Jägern und Sammlern recht zuverlässig finden.

Vorbild Jäger und Sammler – in 10 Schritten zu Zufriedenheit

Arbeit der Jäger und Sammler

Arbeiten lassen sich in zwei Formen unterscheiden. Wenn die Tätigkeit eher mühselig oder langweilig ist und wir ungern arbeiten, sprechen wir oft von Schuften oder Krampfen. Diese Art des Arbeitens ist besonders in der industrialisierten Gesellschaft weit verbreitet, Jäger und Sammler hingegen kennen sie nicht.

Bei der zweiten Art des Arbeitens tun wir einfach etwas Nützliches. Das kann durchaus gerne geschehen. Jäger und Sammler tun all diese Arbeiten freiwillig. Wenn sie etwa nicht mit auf die Jagd gehen wollen, nehmen sie eben nicht teil und erhalten vom erlegten Wild der anderen ein Stück. Was sie tun, tun die Jäger und Sammler meistens gerne, das hat folgende Gründe:

1

Jäger und Sammler arbeiten eher wenig. Durchschnittlich verwenden sie rund 20 Stunden pro Woche für die Nahrungsbeschaffung sowie weitere zehn Stunden für Arbeiten im Camp. Somit kommen sie total auf vielleicht 30 Stunden wöchentlich. In westlichen Industrienationen sind es meist 40 Stunden oder mehr für die Lohnarbeit. Dazu kommen die Haushaltspflichten.

Jäger- und Sammler-Ethnie

Lebensraum

Arbeitsstunden pro Tag

Aché

Paraguay

6.9 h

!Kung

südliches Afrika

6.4 h

Hiwi

Kolumbien, Venezuala

3.0 h

Einige Beispiele von täglicher Arbeitsdauer bei Jäger- und Sammler-Kulturen [1]

2

Die Arbeit ist vielseitig und herausfordernd. Die allermeiste Arbeit der Jäger und Sammler ist herausfordernd. Sie müssen mit voller Konzentration bei der Sache sein. Und die Arbeit birgt oft unvorhersehbare Momente. Stumpfe, repetitive Routinetätigkeiten gibt es kaum.

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Die meiste Arbeit wird in einem sozialen Kontext angepackt. Die Nahrungsbeschaffung erfolgt in der Regel in einer Gruppe, sei es die Jagd oder das Sammeln. Auch Arbeiten im Camp werden oft gemeinsam angepackt. Und selbst Tätigkeiten, die alleine erledigt werden, finden im sozialen Austausch mit anderen statt.

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Maximale Autonomie. Jäger und Sammler haben enorme Freiheiten. Sie können jederzeit ihre Gruppe verlassen, zu einer anderen dazustossen oder eine eigene Gruppe gründen. Niemand verfügt über die Macht, andere herumzukommandieren. Formelle Hierarchien gibt es keine. Einzig natürliche Hierarchien können sich punktuell bilden, etwa, dass ein erfahrener Jäger die Führung eines Jagdtrupps übernimmt. Die Teilnehmer eines solchen Trupps folgen dem erfahrenen Jäger aber freiwillig, weil sie deren Jagdfähigkeiten schätzen. Wer sich nicht dem Trupp anschliessen möchte, bleibt im Camp, begibt sich alleine auf die Jagd oder schliesst sich einem anderen Trupp an.

Hadazbe kehren von der Jagd zurück

Hadazbe kehren von der Jagd zurück

Lernen der Jäger und Sammler

Kinder und Jugendliche lernen ebenfalls gerne. Ihr Lernprozess lässt sich durch folgende Eigenschaften beschreiben:

5

Erwachsene vertrauen dem inneren Kompass der Kinder. Im Unterschied zum uns vertrauten industrialisierten Schulsystem fehlt Jägern und Sammlern die Überzeugung, dass Erwachsene definieren müssen, was Kinder und Jugendliche lernen sollen, geschweige denn wie und wann. Stattdessen vertrauen sie darauf, dass Kinder am besten wissen, was sie als Nächstes lernen wollen.

6

Viel Zeit zum Spielen. Kinder können den ganzen Tag spielen. Sie werden nicht formal belehrt. Erwachsene mischen sich selten in die Spiele ein. Sie gehen davon aus, dass Kinder sich von selbst nützlich machen, sobald sie bereit sind dazu.

7

Spielen mitten in der Gemeinschaft. Kinder spielen direkt in der Gemeinschaft, mitten unter den Erwachsenen. So bekommen sie mit, was Erwachsene sprechen, welche Geschichten sie erzählen, welche Zeremonien sie pflegen und welche Tätigkeiten sie verrichten. Kinder ahmen die Erwachsenen spielerisch nach. Dieses Nachahmungsspiel wird immer mehr zu nützlicher Tätigkeit, so dass der Übergang vom kindlichen Spiel zur Arbeit der Erwachsenen fliessend ist.

8

Altersdurchmischtes Lernen. Gruppen dieser lose organisierten Jäger und Sammler sind meist sehr klein. Deshalb gibt es selten viele Kinder im gleichen Alter. Die Spielgefährten der Kinder sind deshalb typischerweise jünger oder älter. Beim altersdurchmischtes Spielen inspirieren und unterstützen die Älteren oft die Jüngeren. Wettkampf wie bei altershomogenen Gruppen findet sich kaum.

Shuar-Kinder

Shuar-Kinder spielen am Fluss

Jäger und Sammler vertrauen dem inneren Kompass ihrer Kinder.

Leben der Jäger und Sammler

Das Leben der Jäger und Sammler wird stark bestimmt durch die 8 Merkmale des Arbeitens und Lernens. Zusätzlich sticht ein weiteres Merkmal ins Auge:

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Menschen in Jäger- und Sammlervölkern werden oft als humorvoll beschrieben. Gemeinsames Lachen durch Witze oder Necken stärkt die Bindung untereinander und somit das Gemeinschaftsgefühl. Humor wird teilweise auch eingesetzt, um Gruppenmitglieder auf eine leicht annehmbare Art zu rügen oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, um den Frieden in der Gemeinschaft zu wahren.

Mandan Mädchen sammeln Beeren

Mandan-Mädchen beim Beeren-Sammeln. Foto von Edwin Curtis

Was ist all diesen Merkmalen gemein? Die Antwort auf diese Frage führt uns zum zentralsten Merkmal überhaupt:

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Jäger und Sammler leben ausgesprochen spielerisch. Wie komme ich auf diese Idee? Sie stammt, wie die meisten der obigen Ausführungen, von Peter Gray, einem US-amerikanischen Evolutionspsychologen, der sich intensiv mit dem Spielcharakter von Jäger und Sammlern beschäftigt hat. [2]

Schauen wir das Spiel und vor allem das gemeinsame Spiel genauer an.

Soziales Spiel der Kinder

Stelle dir ein Fussballspiel von Kindern vor, das nicht durch Erwachsene beeinflusst ist, also nicht auf Leistungserbringung ausgelegt ist. Kinder unterschiedlichen Alters haben sich zusammengefunden und zwei Teams gebildet. Folgende Merkmale prägen ein solches Spiel vielfach:

  • Im Vordergrund steht die Kooperation. Zwar werden Punkte gezählt, aber sie sind Nebensache. Im Gegenteil: Wenn der Punktestand zu deutlich ausfällt, wechselt nicht selten ein Kind die Mannschaft, damit die Teams ausgeglichener werden. Punkte sind somit nur ein Kontrollsystem, das ungleiche Mannschaftsstärken deutlich macht. Der Spass am Spiel steht über allem. Alle Kinder haben die Freiheit, das Spiel jederzeit zu verlassen. Genau deshalb ist es so wichtig, Kompromisse zu finden und ein gemeinsames Spiel zu entwickeln, das allen Spass bereitet.
  • Das Spiel ist weitestgehend hierarchiefrei. Es gibt niemand, der andere herumkommandieren kann, weil ja alle das Spiel jederzeit verlassen können. Zwar kann es "Leader" geben, jene, deren Fähigkeiten besonders zum Tragen kommen. Besonders geschätzt sind jene Leader, die ihre Fähigkeiten einsetzen, um andere zu unterstützen. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen respektive ausgehandelt.
  • Beim Spiel wird geteilt. Meistens kann alles, was für das Spiel gebraucht wird, für die Dauer des Spiels von allen genutzt werden. Jemand bringt einen Ball mit, jemand Torwart-Handschuhe, jemand vielleicht Knebel, die als Tor dienen können. Ähnlich sieht es bei anderen Spielen aus. Etwa beim gemeinsamen Spiel an einem Bach. Jemand bringt einen Kessel mit an den Bach, jemand zwei Kinder-Schaufeln usw.

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Eigenschaften des sozialen Spiels sind somit: Freiwillige Teilnahme, Autonomie, Gleichheit, Teilen, einvernehmliche Entscheidungsfindung und Spass.

In der folgenden Tabelle wird die Parallele des Spielens mit dem Lernen und Arbeiten der Jäger und Sammler deutlich:

Spielen

Lernen der Jäger und Sammler

Arbeiten der Jäger und Sammler

Freiwilligkeit

Kinder tun, wozu sie gerade Lust haben. Weil sie Dinge tun, die sie weder langweilen noch überfordern sondern herausfordern, lernen sie mit jeder Tätigkeit hinzu.

Erwachsene tun grösstenteils, wozu sie gerade Lust haben.

Autonomie

Erwachsene mischen sich selten in das Spiel der Kinder ein, sondern bieten den Kindern den ganzen Tag Zeit zum Spielen.

Da Jäger und Sammler jederzeit die Gruppe verlassen können, kann niemand einer anderen Person Anweisungen geben. Die Autonomie ist maximal.

Gleichheit

Aufgrund der hohen Autonomie gibt es kaum Hierarchie beim Spielen der Kinder. Je nach Tätigkeit stehen die Fähigkeiten eines anderen Kindes im Vordergrund und führen so zu natürlicher Autorität, die je nach Tätigkeit wechselt.

Aufgrund der hohen Autonomie gibt es kaum Hierarchie bei der Arbeit der Erwachsenen. Je nach Tätigkeit stehen die Fähigkeiten eines anderen Erwachsenen im Vordergrund und führen so zu natürlicher Autorität, die je nach Tätigkeit wechselt.

Teilen

Kinder teilen zum gemeinsamen Spiel, was sie dazu benötigen.

Erwachsene definieren sich als Gruppe und nicht als Individuen. Sie teilen, was sie zum Leben benötigen.

einvernehmliche Entscheidungs-findung

Spiele werden gemeinsam definiert. Wer sich nicht in die Abmachungen eines Spies einfinden kann, beteiligt sich nicht.

Entscheide für gemeinsame Aktivitäten werden einvernehmlich gefällt. Wer nicht einverstanden ist mit diesen Entscheiden, beteiligt sich nicht an der entsprechenden Aktivität.

Spass am Tun

Spielen – und somit Lernen – bereitet immer Spass. Ist dies nicht mehr der Fall, wird ein Spiel beendet und ein neues entsteht.

U.a. aufgrund der hohen Autonomie und den herausfordernden Tätigkeiten bereiten diese meist Spass. Der Spass äussert sich auch in der humorvollen Art vieler Jäger und Sammler.

Unsere Gesellschaft kehrt zum spielerischen Lernen, Arbeiten und Leben der Jäger und Sammler zurück

Jäger und Sammler unterscheiden nicht zwischen Spielen, Lernen und Arbeiten. Spielen ist Lernen, Spielen ist Arbeiten, Arbeiten ist Lernen. Meine Behauptung: Wir kehren in der digital geprägten Welt zu diesen Formen des Lebens zurück. Die Unterteilung von Spielen, Lernen und Arbeiten ist vor allem der Arbeitsteilung der industriellen Gesellschaft geschuldet.

Jäger und Sammler unterscheiden nicht zwischen Spielen, Lernen und Arbeiten.

Beispiele des spielerischen Lernens in der digital geprägten Gesellschaft

Hier einige konkrete Beispiele, die meiner Meinung nach den Trend zum spielerischen Lernen verdeutlichen.

Allgemeiner pädagogischer Trend: Von der Fremd- zur Selbstbestimmung

Das Verständnis von Lernen und Lehren hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Um 1950 gingen Pädagog*innen noch davon aus, dass Informationen von einem Kopf auf einen anderen übertragen werden können. Entsprechend wurde stark mit Belohnung und Bestrafung gearbeitet. Die Fremdbestimmung stand im Vordergrund.

Mittlerweile ist bekannt, dass das Übertragen von Informationen, die Wissensvermittlung, so leicht nicht funktioniert. Entscheidend für den Lernprozess sind Faktoren wie das Vorwissen, Neugierde und Emotionen. Fehlen etwa Emotionen beim Lernen, ist es schwierig, das Gelernte auch längerfristig im Gehirn zu verankern. Moderne schulische Lehr-/Lern-Szenarien setzen somit viel stärker auf die Selbststeuerung und Selbstbestimmung der Kinder und Jugendlichen.

Jäger und Sammmler: Vorbilder für die neue Gesellschaftsform

Freilernen

Neben dem allgemeinen Trend, der den Alltag im Klassenzimmer zunehmend verändert, gibt es immer mehr Eltern, die ihre Kinder gar nicht zur Schule schicken, oder aber in Schulen, die nicht auf einen Lehrplan abstützen (z.B. die Sudbury Valley-Schulen). Sie lassen Kinder und Jugendliche die Freiheit, sich mit Dingen zu beschäftigen, die diese gerade interessieren. Die Kinder spielen und entdecken so spielerisch die Welt. Sie finden sich oft zum gemeinsamen Spiel zusammen, haben aber jederzeit die Möglichkeit, aus den entsprechenden Gruppen auszutreten und sich anderen Gruppen anzuschliessen.

Diese Formen des Lernens werden oft als Freilernen bezeichnet. Sie lassen die Parallelen zum spielerischen Lernen der Jäger und Sammler sehr deutlich erscheinen.

Beispiele des spielerischen Arbeitens in der digital geprägten Gesellschaft

Das Arbeiten in der zunehmend digital geprägten Gesellschaft nähert sich ebenfalls immer mehr dem Arbeiten der Jäger und Sammler an.

Allgemeine Trends: Arbeit 4.0 & New Work

In der industriellen Fertigung herrschten Routinetätigkeiten vor. Solche repetitive Tätigkeiten waren selten herausfordernd, sondern meistens recht eintönig. Arbeitnehmende bezeichneten ihren Job oft als Schuften. Im Unterschied zur Arbeit der Jäger und Sammler bereiteten solche Jobs selten Spass. Ohne Lohn würden sehr viele Arbeitnehmende die entsprechenden Tätigkeiten nicht verrichten.

Diese Routinetätigkeiten werden zunehmend von Algorithmen übernommen. Neu entstehende Jobs sind meistens herausfordernder und spannender.

Weiter gibt es eine Verlagerung weg von industrieller Produktionsarbeit hin zu Dienstleistungsangeboten.

Diese allgemeinen Trends krempeln die Organisationsform vieler Unternehmen um. Die Transformation wird unter Stichworten wie "Arbeit 4.0" oder "New Work" beschrieben.

Arbeit 4.0 nutzt digitale Möglichkeiten etwa, um Arbeitseinsätze flexibler zu gestalten. Mitarbeitende können vermehrt ausserhalb der Unternehmensräumlichkeiten arbeiten und auch die Arbeitszeit wird flexibler gehandhabt. Somit entstehen neue Freiheiten für Mitarbeitende.

Der Begriff New Work geht auf den Philosophen Frithjof Bergmann zurück. Bergmann will mit dem New-Work-Ansatz der Fremdbestimmung bei der Lohnarbeit entgegenwirken. Im Vordergrund steht nicht mehr das Geldverdienen, sondern was Menschen "wirklich, wirklich gerne tun". Mittlerweile wird der Begriff allerdings recht verwässert verwendet. Trotzdem geht der Trend eher weg von der Fremd- und hin zur Selbstbestimmung.

Holokratie

Holokratie ist eine Organisationsform, die durch Brian Robertson aus den USA entwickelt wurde und immer mehr Fuss fasst in Unternehmen. Sie unterscheidet sich deutlich von traditionellen hierarchischen Organisationsformen. Mitarbeitende werden stärker einbezogen in die Entscheidungsfindung und organisieren sich vermehrt in Netzwerken anstatt in hierarchischen Linien.

Digitale Nomaden & ortsunabhängige Online-Unternehmer

Genauso wie ändernde pädagogische Trends in Schulen lediglich ein bestehendes System sanft umgestalten, so sind auch Arbeit 4.0 sowie die üblichen verwässerten New Work-Ansätze und Holokratie meist eher leichte Umgestaltungen des Alten. 

Aber ähnlich wie mit Freilernen ein Ansatz entstanden ist, der dem spielerischen Lernen der Jäger und Sammler sehr nahe kommt, kommen einige Menschen dem spielerischen Arbeiten sehr nahe: Ortsunabhängige Online-Unternehmer*innen, die teilweise nomadisch leben. 

Digitale Nomadinnen und Nomaden werden Menschen bezeichnet, die meist selbständig erwerbend ortsunabhängig ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie nutzen die digitale Technologie stark für ihre Arbeit. Dank dem Internet können sie von überall arbeiten, wo eine stabile Internetverbindung vorhanden ist. Gerne arbeiten sie in Coworking-Spaces, Cafés oder einer temporären Wohnung.

Alleine diese potenziell nomadische Lebens- und Arbeitsweise von ortsunabhängigen Unternehmer*innen erinnert an jene der ebenfalls nomadischen Jäger und Sammler. Aber auch die potenzielle Selbstbestimmung ist vergleichbar.

Weiter streben viele orstunabhängie Unternehmer*innen nach einem passiven Einkommen. Dabei nutzen sie die Möglichkeiten der digitalen Automatisierung, um Arbeit und investierte Zeit zu entkoppeln. Beispielsweise ein Buch oder ein Online-Kurs kann einmal erstellt und dann über längere Zeit verkauft werden, ohne dass noch ein zeitlicher Aufwand notwendig ist. Digitale Unternehmer*innen, die teilweise passives Einkommen erzielen, können so ähnlich wie Jäger und Sammler die Arbeitszeit reduzieren.

Eine letzte Parallele ist der vielfach minimalistische Lebensstil vieler digitalen Nomaden. So können digitale Nomaden ihre Ausgaben senken, was wiederum die notwendige Arbeitszeit minimiert.

Spielen

Freilernen

Ortsunabhängiger Lebensstil

Freiwilligkeit

Kinder lernen, wozu sie gerade Lust haben. Sie tun es also freiwillig.

Viele ortsunabhängige Menschen arbeiten vielfach, wonach sie Lust haben. Sie tun es also freiwillig. Allerdings gibt es auch solche, die eher auf ein sicheres Einkommen fokussiert sind und Aufträge annehmen, die sie ohne Honorar nicht freiwillig annehmen würden.

Autonomie

Ungefragtes Belehren gibt es nicht. Zwar geniessen Kinder oft nicht jene absoluten Freiheiten wie Kinder der Jäger und Sammler, aber die Autonomie ist deutlich grösser als bei Schulkindern.

Ortsunbhängige Menschen sind vielfach selbständig erwerbend, also grundsätzlich autonom. Wie stark sie ihre Autonomie durch eine Ausrichtung auf Geld selbst einschränken, ist individuell unterschiedlich.

Gleichheit

Es gibt keine Einteilung in Leistungsstufen. Alle Kinder sind gleich.

Ortsunbhängige Unternehmer*innen sind als selbständig Erwerbende nicht einer Hierarchie unterworfen und somit gleich. Es kann sich eine natürliche Hierarchie bilden zwischen etablierten, grösseren Unternehmer*innen und solchen, die eher von der Hand in den Mund leben.

Teilen

Kinder, die sich zum gemeinsamen Spielen treffen, teilen oft die zum gemeinsamen Spiel geeigneten Ressourcen und Werkzeuge.

Bei Kooperationen bringen die Kooperationspartner ihr Know How und ihre Ressourcen gewinnbringend für alle Beteiligten ein.

einvernehmliche Entscheidungs-findung

Da jedes Kind selbst entscheiden kann, ob es mit anderen spielen will, kann es jederzeit das Spiel verlassen. Deshalb kommen Entscheidungen oft einvernehmlich zustande.

Kooperationen werden freiwillig eingegangen. Entsprechend werden Entscheidungen gemeinsam getroffen. Wenn sich kein Konsens bildet, wird das Kooperationsverhältnis beendet.

Spass am Tun

Kinder spielen, also tun sie das, was ihnen Spass bereitet.

Jene ortsunabhängigen Menschen, die ihr Unternehmen nicht dem Geld oder Status unterordnen, folgen ihrer Leidenschaft und haben somit Spass an ihrem Tun. Tätigkeiten, die ihnen keinen Spass bereiten, lagern sie gerne aus.

Spielerisch zu mehr Zufriedenheit

Nur weil Jäger und Sammler spielerisch unterwegs waren, bedeutet das nicht, dass auch wir uns nach ihrem Vorbild organisieren sollten. Es gibt aber einen Grund: Studien zeigen, dass Menschen nirgends so glücklich und zufrieden sind wie beim Spielen. Dass Jäger und Sammler meistens als sehr zufrieden beschrieben werden, erstaunt vor diesem Hintergrund nicht. 

Wer also nach einem glücklichen Leben strebt, kann sich durchaus an der Lebensweise der Jäger und Sammler orientieren. Die Gegebenheiten dazu sind dank der digitalen Transformation viel besser als noch zu Zeiten der Industrialisierung.

Allerdings lassen sich die gesellschaftlichen Elemente der Jäger und Sammler nicht eins zu eins übernehmen, da sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Ich sehe zwei Hauptunterschiede: Wir leben nicht mehr in losen lokalen Verbänden sondern in losen ortsunabhängigen Netzwerken und Communitys und das Leben ist deutlich komplexer geworden.

Das muss für das Lernen berücksichtigt werden

Für das Lernen bedeutet das, dass unsere Kinder im Gegensatz zu jenen der Jäger und Sammler in ihrem Umfeld nicht zwangsläufig mit allem Wesentlichen ihrer Kultur in Berührung kommen. Es kann sich anbieten, wenn Erwachsene Kindern bewusst vielfältige Inspirationsgelegenheiten bieten und die Interessen der Kinder gezielt durch entsprechende Ressourcen füttern.

Die Vernetzung mit anderen Kindern unterschiedlichen Alters hingegen ist gut möglich, entweder in schulischen Institutionen, in lose organisierten lokalen Freilernertreffen oder über digitale Netzwerke.

Das muss für das Arbeiten berücksichtigt werden

Beim Arbeiten ist bei ortsunbhängigen Unternehmer*innen der soziale Kontakt nicht zwingend gegeben. Um diesen herzustellen, suchen besonders digitale Nomaden gerne Coworking Spaces auf. Das sind Räumlichkeiten mit Infrastruktur, die zum gemeinsamen digitalen Arbeiten genutzt werden können.

Zusätzlich haben sich Online-Communitys wie der Citizen Circle gebildet, in dem sich digitale Unternehmer*innen austauschen, inspirieren und gegenseitig unterstützen. Genauso wie die Nomaden der Jäger und Sammler Jagdtrupps organisieren, bei denen sich die Jäger nach Belieben anschliessen können, organsieren Mitglieder des Citizen Circle (Citizens) vielfältige gemeinsame Aktivitäten wie Challenges, Weiterbildungsangebote, Road Tripps und vieles mehr, denen sich die Citizens nach Belieben anschliessen anschliessen können.

Fazit

Unsere Vorstellung des Lernens und Arbeitens dürfte sich mit der digitalen Transformation radikal verändern. Unser Leben dürfte deutlich stärker spielerischen Charakter haben. Somit können wir uns an jahrtausendelang erprobten Lebenskonzepten und Glaubenssätzen der Jäger und Sammler orientieren und so ein zufriedeneres, erfüllteres, glücklicheres Leben auf einem technologisch hohen Niveau führen.

Was denkst du über den Zusammenhang der Jäger und Sammler mit der sich entwickelnden digital geprägten Gesellschaft? Siehst du gar weitere Parallelen? Ich freue mich über deinen Kommentar.

Quellen

Über den Autor

Nando Stöcklin

studierte Ethnologie und doktorierte in Pädagogik. Beruflich beschäftigte er sich als Forschungsmitarbeiter mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf das Bildungswesen und als Folge mit Spielen. Seither versucht er die Vorzüge vom Spiel konsequent für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu nutzen und die unnötigen Kluften zwischen Spielen, Arbeiten und Lernen zu überwinden. Seine Kinder sind ihm grosse Vorbilder und weisen ihm den Weg.

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Brief an alle Menschen, die Inspiration & Erfahrung zum rundbunten Leben im neuen Zeitalter wünschen

Ich habe gehört, du seist ein ganz besonderer Mensch. Hier habe ich einen ganz besonderen Brief für dich.

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