Nando Stöcklin

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Episodenzusammenfassung

Was, wenn das Spiel selbst die Randzone ist, also die Zone zwischen dir und der Welt, und genau deshalb dort Neues entsteht?

In der dritten Episode von Randzonen-Geflüster bin ich zum ersten Mal alleine unterwegs. Der Grund liegt im Thema selbst: Die beiden Zonen, die sich hier berühren, liegen nicht in zwei verschiedenen Menschen oder Fachgebieten, sondern in jedem Einzelnen von uns. Auf der einen Seite steht die Innenwelt mit ihrem inneren Kompass, auf der anderen die Aussenwelt mit ihrem Widerstand. Und dazwischen liegt das Spiel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Spielen ist eine selbstbestimmte Herausforderung, die aus einem inneren Drang angepackt wird.
  • Die Innenwelt liefert den Impuls, den inneren Entwicklungsplan und die Fantasie. Alleine bringt sie nichts hervor.
  • Die Aussenwelt liefert Material, Menschen und Widerstand. Ohne Widerstand entsteht kein Spiel, sondern nur ein Traum.
  • Das Magie-Mischpult bildet genau diese beiden Ufer ab: drei Regler für die Verbindung zu dir selbst, drei für die Verbindung zur Welt, drei für die Ausdehnung.
  • Herumhängen und Blödeln bei Jugendlichen sieht von aussen unproduktiv aus, ist aber oft die Werkstatt für ein eigenes Selbstverständnis.
  • Zwei Fragen bringen dich zurück in die Randzone: Bin ich gerade bei mir? Und berühre ich gerade die Welt?

Ein Kind am Bach, und warum diese Szene alles erklärt

Ein Kind steht mit nackten Füssen im kalten Wasser eines Bachs. Es bückt sich, hebt einen Stein aus dem Bachbett und beginnt, daran eine Staumauer zu bauen. Von aussen ist das eine gewöhnliche Spielszene. Von innen betrachtet passieren zwei Dinge gleichzeitig: Das Kind ist ganz real da, im kalten Wasser, mit dem schweren Stein in den Händen. Und gleichzeitig existiert die Staumauer längst in seinem Geist, zusammen mit dem Drang, sie jetzt zu bauen.

Genau dort liegt die Randzone dieser Folge. Das Innen trifft auf das Aussen, und aus dieser Berührung entsteht etwas, das es vorher nicht gab.

Die Innenwelt: ein innerer Kompass, der nie aufhört

Ein Baby spürt irgendwann den Drang, sich zum ersten Mal vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Später kommt der Drang, aufzustehen und die ersten Schritte zu tun. Niemand hat ihm das gesagt. Jeder Mensch trägt einen inneren Kompass und so etwas wie einen inneren Entwicklungsplan in sich, und was daraus gerade dran ist, hängt vom Entwicklungsstand ab. Für ein kleines Kind ist das Aufstehen eine echte Herausforderung, für einen Erwachsenen längst nicht mehr.

Dieser Entwicklungsplan hört nicht auf, wenn ein Kind in die Schule kommt oder wieder herauskommt. Was aufhört, ist meistens unsere Fähigkeit, darauf zu horchen. Der Leistungsdruck beginnt in der Schule und setzt sich im Erwerbsleben fort, wo es typischerweise jemanden gibt, der sagt, was zu tun ist. Die innere Stimme wird dabei nicht kleiner, sondern leiser. Und irgendwann verstummt sie ganz, was besonders schade ist, weil mit ihr eine der ergiebigsten Randzonen verschwindet, die ein Mensch zur Verfügung hat.

Die Aussenwelt: ohne Widerstand kein Spiel

Die Innenwelt alleine reicht nicht. Was aus uns gelebt werden will, will auch ins Aussen getragen werden, und dort lässt die Welt nicht mit sich verhandeln. Das Kind, das zum ersten Mal aufsteht, plumpst wieder auf den Hintern. Die Steine im Bach sind schwer, das Wasser ist kalt, und es fliesst hartnäckig zwischen den aufgetürmten Steinen hindurch, sodass die letzten Fugen noch ausgekittet werden müssen.

Dieser Widerstand ist nicht das Problem des Spiels, sondern seine Voraussetzung. In meiner Definition ist jedes Spiel eine selbstbestimmte Herausforderung, die aus einem inneren Drang angepackt wird, und eine Herausforderung ohne Widerstand wäre schlicht langweilig.

Das Magie-Mischpult: neun Regler zwischen Innen und Aussen

Im letzten Kapitel des Buchs «Spiel dein Leben» steht ein Werkzeug, das genau diese Struktur abbildet. Das Magie-Mischpult besteht aus neun Reglern in drei Bereichen, und wenn beim Spielen diese magische Stimmung entsteht, dann sind alle neun ganz automatisch in Balance (in meinem Buch "Die Taverne zur angebrannten Pfanne" ist das Magie-Mischpult ein zentrales Thema).

Der erste Bereich heisst Verbindung zu dir selbst, denn ohne diese Verbindung ist Spielen nicht möglich. Dazu gehören die Regler Tun und Wollen, Ernst und Lockerheit sowie Kognition und Gefühle.

Der zweite Bereich heisst Verbindung zur Welt, mit den Reglern Realität und Fantasie, Kontrolle und Vertrauen sowie Bewusstsein und Unterbewusstsein.

Wenn beide Verbindungen stehen, entsteht ein kreatives Feld, das sich ausdehnen will. Der dritte Bereich heisst deshalb Ausdehnung, mit den Reglern bekannt und unbekannt, Stabilität und Flexibilität sowie Sicherheit und Unsicherheit. Am Bach heisst das: Die Staumauer ist vielleicht erst der Anfang, und es liesse sich dort noch viel mehr entdecken.

Randzonen vergrössern, statt sie wegzuoptimieren

In der Permakultur, aus der der Randzonen-Gedanke stammt, sind Gestaltende bestrebt, die Randzonen zu vergrössern, weil dort Innovation, Reibung und Neues entstehen (siehe Episode #1. Für unsere eigene, natürliche Randzone gilt dasselbe: Wir sollten schauen, dass sie möglichst gross wird, also möglichst oft spielen und das Spiel hochhalten.

In der Praxis machen wir gerne das Gegenteil. Zuerst die Hausaufgaben, und wenn danach noch Zeit bleibt, was neben den übrigen Pflichten längst nicht mehr selbstverständlich ist, darf gespielt werden. Spätestens beim Einstieg ins Berufsleben beginnt dann der Ernst, und das Spiel ist ganz vorbei. Genau dort wird die Gefahr gross, dass wir die innere Stimme abstellen und nur noch tun, was andere von uns wollen.

Vier Schlüsse aus der Folge

Der erste Schluss stützt sich auf ein Zitat des Erziehungswissenschaftlers Gerd Schäfer: «Wenn wir die Wirklichkeit mit der Fantasie verbinden, verändert sich die Wirklichkeit.» Ohne Spiel fehlt uns die Fantasie, etwas zu gestalten. Wir tun dann vielleicht noch etwas, aber der Impuls kommt nicht mehr von innen.

Der zweite Schluss betrifft die Sichtbarkeit. Schäfer hat beschrieben, wie Jugendliche herumhängen, blödeln oder Action machen. Von aussen sieht das nach Zeitverschwendung aus, in Wahrheit ist es ihr Spiel und die Werkstatt, in der ein eigenes Selbstverständnis entsteht. Wir sind ziemlich schnell dabei, so etwas zu verurteilen, weil es nicht produktiv aussieht. Beim Spielen finden aber sehr oft stille Prozesse statt, bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermassen.

Der dritte Schluss ist der unbequemste: Wir sollten dem Widerstand nicht ausweichen. Ein schönes Leben ohne Krisen und ohne Gefahren klingt verlockend, macht aber kaum erfüllt. Erfüllung heisst ja nichts anderes, als das ins Leben zu bringen, was in uns veranlagt ist. Wer aller Reibung ausweicht, oft aus Angst, bekommt am Ende keine Freiheit, sondern Leere.

Der vierte Schluss ist ganz praktisch. Wir rutschen alle ständig von einer Zone in die andere. Manchmal sind wir ganz im Aussen, bei der Buchhaltung, bei Zahlen und Terminen. Manchmal sind wir ganz im Innen, wälzen Ideen und horchen auf die innere Stimme, ohne etwas davon umzusetzen. Beides ist normal. Wichtig ist nur, immer wieder in die Randzone dazwischen zurückzufinden.

Zwei Fragen für den Alltag

Zum Schluss gebe ich dir zwei Fragen mit, die sich bei jeder Tätigkeit und bei jeder Anfrage stellen lassen.

Die erste lautet: Bin ich hier gerade bei mir? Tue ich, was ich tun will, oder erfülle ich eine Erwartung? Ich habe mir 2017 auf die Fahne geschrieben, mein Leben zum Spiel zu machen, und genau darum geht es dabei. Wenn eine Anfrage für einen Vortrag kommt, lohnt sich die ehrliche Prüfung, ob der Drang wirklich von innen kommt oder ob eher der Status auf der Bühne lockt.

Die zweite lautet: Berühre ich hier gerade die Welt? Gibt es echten Widerstand, echtes Material, echte Menschen, oder bleibt alles im Kopf? Was uns von der Umsetzung abhält, sind sehr oft Ängste, und Spielen heisst eben auch, diese Ängste zu überwinden.

Und damit bleibt die Frage, die ich am Ende der Folge stelle: Was ist bei dir in deiner Spiel-Randzone schon alles entstanden?

Häufige Fragen zum Spielen als Randzone

Was ist die Definition von Spielen? Spiel ist eine selbstbestimmte Herausforderung, die aus einem inneren Drang angepackt wird. So definiere ich es seit Jahren, und beide Teile sind nötig: der Impuls von innen und der echte Widerstand von aussen.

Warum ist Spielen auch für Erwachsene wichtig? Der innere Entwicklungsplan hört im Erwachsenenalter nicht auf, wir verlernen nur, auf ihn zu horchen. Ohne Spiel fehlt der Impuls von innen, und ohne diesen Impuls entsteht kaum etwas Neues.

Was ist eine Randzone? Der Begriff stammt aus der Permakultur und bezeichnet den Übergangsbereich zwischen zwei Ökosystemen, in dem die Vielfalt am grössten ist. Im Podcast Randzonen-Geflüster wird das Prinzip auf Lebens- und Themenbereiche übertragen.

Was ist das Magie-Mischpult? Ein Werkzeug aus dem letzten Kapitel des Buchs «Spiel dein Leben» mit neun Reglern in drei Bereichen: Verbindung zu dir selbst, Verbindung zur Welt und Ausdehnung. Sind alle neun in Balance, entsteht die spielerische, magische Stimmung.

Ist Herumhängen bei Jugendlichen verlorene Zeit? Gerd Schäfer beschreibt Herumhängen, Blödeln und Action machen als das Spiel der Jugendlichen. Von aussen wirkt es unproduktiv, im Innen entsteht dabei aber häufig ein eigenes Selbstverständnis.

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Brief vom Spieler #1

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