Wenn Maschinen schreiben, malen und programmieren können: Was bleibt dann für den spielenden Menschen?
Episodenzusammenfassung
In der vierten Episode von Randzonen-Geflüster spreche ich mit Nico Steinbach. Wir haben an der Pädagogischen Hochschule jahrelang Schreibtisch an Schreibtisch gearbeitet und dort über so manche wilde These diskutiert. Nico ist Informatiker und beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz schon seit dem Studium. Diesmal liegt die Randzone zwischen generativen Systemen und dem spielenden Leben, also einem Leben, in dem wir tun, was das Herz uns sagt.
Das Wichtigste in Kürze
- KI wirkt als Verstärker: Wer weiss, wohin er will, wird durch generative Systeme stark ermächtigt. Wer sie nur als Abkürzung nutzt, wird abhängiger.
- Beim Spielen zählt der Weg zum Ziel. Wer das Ergebnis von der Maschine erstellen lässt, überspringt das Lernen und den Spass.
- Auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich bereits ein «Sprossenverlust»: In der IT werden deutlich weniger Junge eingestellt, weil KI Einstiegsaufgaben übernimmt.
- Technologie verspricht seit Jahrtausenden mehr Zeit, und trotzdem sind wir gestresster denn je. Mehrere KI-Agenten parallel führen schnell zu Fragmentierung und Erschöpfung.
- Sprachmodelle geben plausibel wieder, was sie gelernt haben. Den echten Widerstand, den ein Gegenüber aus Fleisch und Blut bietet, liefern sie selten.
- Eine Schlüsselkompetenz im KI-Zeitalter ist die bewusste Entscheidung, was ich selber tun will und was ich abgebe.
Warum «KI» ein holpriger Begriff ist
Nico spricht lieber von generativen Systemen. Der Begriff künstliche Intelligenz wurde in den 1950er-Jahren geprägt und nie sauber definiert. In den 90ern hiess der Computergegner im Game «die KI», heute meinen wir damit Sprachmodelle, die Texte, Bilder und Code erzeugen. Weil sich die Bedeutung so schnell verschiebt, sagt der Begriff selbst wenig darüber aus, womit wir es eigentlich zu tun haben.
Ein Verstärker für das, was schon da ist
Im Büro haben wir früher oft einen Satz diskutiert: Das Internet ist ein Verstärker. Es macht Selbstbestimmte noch selbstbestimmter und Fremdbestimmte noch fremdbestimmter. Nico überträgt diesen Gedanken auf die KI. Wer herausgefunden hat, was ihn antreibt, bekommt einen digitalen Pinsel in die Hand und kann plötzlich programmieren, gestalten und sogar Hardware entwickeln lassen, ohne vorher Informatik studiert zu haben.
Wer die Werkzeuge dagegen nutzt, um eine Erwartung von aussen möglichst schnell zu erfüllen, nimmt eine Abkürzung. Wenn das abgelieferte Produkt nur der Stellvertreter für die eigene Denkleistung ist, lässt sich diese Leistung auslagern. Was dabei verloren geht, ist das Lernen und das Spiel. Für Nico ist das Spiel deshalb die perfekte Erklärung dafür, wie wir mit generativer KI umgehen können: Wer von innen angetrieben ist, weiss, wohin er will, und braucht die Abkürzung gar nicht.
Sprossenverlust auf dem Arbeitsmarkt
Nico berichtet von Studien, wonach in der IT-Branche die Einstellungen jüngerer Personen im letzten Jahr um rund 20 bis 25 Prozent zurückgegangen sind. Die Aufgaben, die Einsteigende früher übernommen haben, erledigt heute die KI einigermassen gut. Beat Döbeli Honegger nennt das «Sprossenverlust»: Einer Leiter fehlen die untersten drei Sprossen. Mit KI kann ich als Anfänger scheinbar direkt nach oben springen, aber ich habe nie gelernt, die Leiter von unten zu betreten.
Dasselbe gilt fürs eigene Lernen. Wer sich den Lernprozess von der Maschine abnehmen lässt, überspringt nicht nur Wissen, sondern auch sein Spiel. Solange das System Schnelligkeit und Effizienz belohnt, dürften sich diese Effekte eher verstärken.
Das ewige Zeitversprechen
Vom Jäger und Sammler über den Ackerbau bis zu Pflug, Traktor, Computer und Internet: Jedes neue Werkzeug hat uns Zeit geschenkt, und trotzdem ist die freie Zeit über die Jahrtausende geschrumpft. Mit KI explodiert die geschenkte Zeit nochmals, und doch sind alle im Stress.
Ich merke das an mir selbst. Wenn ein Agent meine Website umbaut, ein zweiter im Hintergrund eine App entwickelt und ich mit einem dritten recherchiere, ist das faszinierend und gleichzeitig extrem anstrengend. Meine Gedanken sind in drei Strängen gleichzeitig unterwegs, alle zehn Minuten will eine KI etwas von mir. Nach einer Woche in diesem Modus wäre ich komplett durch. Nico kennt das. Er hat eine Zeit lang jede freie Minute gefüllt, in einer Woche dreissig Apps gebaut und alles nachgebaut, was er in den letzten zehn Jahren entwickelt hatte. Am Ende stand die ernüchternde Frage, wozu er eigentlich auf Vorrat baut.
Teste dich jetzt kostenlos
Wie viel Magie ist in deinem Leben?
Teste jetzt, wie viel Magie in deinem Leben steckt und erhalte Hinweise sowie Inspiration für ein erfülltes Leben voller Magie.
Der Widerstand, den Maschinen nicht bieten
Heute bespricht Nico eine gute Idee lieber wieder mit Menschen. Er erinnert sich an unsere Zeit im Büro: Jemand kam mit einer wilden These herein, drei Leute nahmen Rollen ein, einer hielt dagegen, einer war dafür, und nach zwanzig Minuten stand ein Argumentarium, das keiner allein gesehen hätte. Sprachmodelle geben plausibel wieder, was sie im Training gelernt haben, und sie liefern oft dieselbe Inspiration. Den Spiegel und den Widerstand von aussen bieten sie selten, und was wir ohne diesen Widerstand erarbeiten, behalten wir schlechter.
Dazu kommt eine seltsame Umkehrung. Ein Teilnehmer in einem meiner Kurse meinte einmal, es wäre schön, wenn die roboterhaften Tätigkeiten wieder der Roboter übernähme. Generative KI hat aber ausgerechnet bei der Kreativität angefangen, beim Bild, der Musik, dem Code und dem Gedicht. Die Wäsche hängen wir weiterhin selbst auf.
Bewusst entscheiden, was ich selber tun will
Auf die Frage, wie man das Leben zum Spiel macht, antworte ich immer: Tu nur noch Dinge, die du wirklich gerne tust. Mit KI wird das zu einer ganz praktischen Übung. Ich habe mir eine Business-App gebaut, die nur ich brauchen kann und die mir Buchhaltung und Administration grösstenteils abnimmt. Das waren Dinge, die mir nie Spass gemacht haben. Meine Newsletter schreibe ich dagegen weiterhin selbst, obwohl ich die KI einfach durch mein Obsidian-Notizbuch schicken und den Text direkt an den E-Mail-Dienst weiterleiten lassen könnte. Ich schreibe nun mal gerne.
Nico erzählt, wie ihn die ersten fähigen Sprachmodelle vor rund vier Jahren in eine Krise gestürzt haben, weil sie plötzlich konnten, was er sich mühsam antrainiert hatte. Herausgefunden hat er mit Fragen, die viel älter sind als jede Technologie: Was will ich eigentlich im Leben? Wo habe ich noch einen Wert? Je stärker wir von Status und Belohnung gesteuert werden, desto weniger wissen wir, was wir selbst wollen.
Was bleibt urmenschlich?
Früher habe ich gesagt, uns bleibe, was ein Computer nicht kann: Problemlösen, Empathie, Kreativität. Heute ist die Kreativität strittig und das Problemlösen längst in Konkurrenz mit der Maschine. Ich vermute inzwischen, dass das Urmenschliche eher darin liegt, etwas mit Liebe und aus dem Herzen zu tun. Ich gebe den Garten lieber einem Landschaftsgärtner, der mit Leidenschaft bei der Sache ist, als jemandem, der seine Arbeit herunterspult.
Nico hält knallhart dagegen. Er glaubt, dass wir der Maschine Jahr für Jahr mehr zutrauen werden, auch Empathie und Bindung. Wir bauen Bindungen zu Kuscheltieren auf, warum also nicht zu Maschinen? Vielleicht läuft es auf eine Koexistenz hinaus, in der uns diese Systeme sogar helfen, den menschlichen Geist besser zu verstehen. Eines fehlt der Technologie im Moment aber noch: Sie ahmt nach, statt zu spielen.
Ein Blick in fünf Jahre
Eine Prognose wagt Nico nicht mehr, weil schon im nächsten Monat wieder alles anders sein kann. Er kann sich vom Schlimmsten bis zu allem Möglichen alles vorstellen, und er wäre sogar neugierig, wie es sich anfühlt, als Batterie einer Maschine in einer Matrix-Welt fliegen zu lernen. Was er mitgibt, ist schlicht und alt: Jeder muss sich seines eigenen Wertes bewusst werden. Das Spiel ist für ihn ein sehr guter Weg, herauszufinden, wohin man will, was man kann, was Spass macht und was man trotzdem selber tut, auch wenn eine Maschine es schneller und besser könnte.
Wir haben abgemacht, uns in einem halben Jahr wieder zu sprechen und zu schauen, wie es weitergegangen ist.
Erwähnt in der Folge
- Beat Döbeli Honegger: Sprossenverlust
- Pädagogische Hochschule Schwyz: Warum wir den Begriff KI vermeiden
Häufige Fragen zu KI und spielendem Leben
Das hängt davon ab, wie sie genutzt wird. KI verstärkt, was schon da ist: Wer weiss, wohin er will, wird ermächtigt. Wer sie nur als Abkürzung nutzt, um Erwartungen von aussen zu erfüllen, wird eher abhängiger.
Ein Bild von Beat Döbeli Honegger: Einer Leiter fehlen die untersten Sprossen. KI übernimmt Einstiegsaufgaben, wodurch Anfängerinnen und Anfänger scheinbar direkt nach oben springen können, ohne die Grundlagen je gelernt zu haben. Auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich das bereits bei den Einstellungen junger Fachkräfte.
Spiel ist eine selbstbestimmte Herausforderung, die aus einem inneren Drang angepackt wird. Das Lernen, der Spass und das Gefühl, etwas selbst geschafft zu haben, entstehen unterwegs. Wer sich das Ergebnis erstellen lässt, überspringt genau diesen Teil.
Indem ich bewusst entscheide, was ich selber tun will. Tätigkeiten, die keinen Spass machen, wie Buchhaltung oder Administration, lassen sich gut abgeben. Was ich gerne tue, behalte ich, auch wenn die Maschine es schneller könnte.
Wer mehrere KI-Agenten parallel laufen lässt, verteilt seine Aufmerksamkeit auf viele Gedankenstränge und muss ständig kontrollieren und nachsteuern. Diese Fragmentierung ist anstrengend, auch wenn die Produktivität steigt.
Gäste-Kurzbiografie
Nico Steinbach ist Informatiker und beschäftigt sich seit seinem Studium vor rund zwanzig Jahren mit künstlicher Intelligenz, lange bevor sie mit ChatGPT & Co. in der breiten Öffentlichkeit ankam. An der Pädagogischen Hochschule haben er und Nando jahrelang Schreibtisch an Schreibtisch an Projekten zur digitalen Transformation gearbeitet. Nico ist ein neugieriger Ausprobierer, der jede neue Entwicklung selbst testet, und zugleich jemand, der die grossen Fragen dahinter nicht scheut: Was macht uns als Menschen aus, wenn Maschinen immer mehr können?
Gast: Nico Steinbach — Informatiker
Host: Nando Stöcklin — Gründer von Spiel dein Leben
Teste dich jetzt kostenlos
Wie viel Magie ist in deinem Leben?
Teste jetzt, wie viel Magie in deinem Leben steckt und erhalte Hinweise sowie Inspiration für ein erfülltes Leben voller Magie.
Mehr von Spiel dein Leben:
- spieldeinleben.ch — Blog, Angebote, alle Podcast-Folgen
- Kompass für lebendiges Spiel (kostenloses PDF): spieldeinleben.ch/kompass-lebendiges-spiel/
- Austausch zum spielenden Lernen und Arbeiten: t.me/+esjjzjxlZg1kMWE0