Mensch und Maschine: Dreht sich die Hierarchie um?

 2. September 2019  
Nando Stöcklin
Minuten Lesezeit
 2. September 2019  
Nando Stöcklin

In welchem Verhältnis stehen Mensch und Maschine in der digital geprägten Gesellschaft? Und was machen Maschinen mit uns Menschen? Ich sehe zwei Stossrichtungen:

  1. Mensch und Maschine wachsen immer mehr zusammen.
  2. Mensch und Maschine wachsen immer mehr auseinander. 

Wie passen diese beiden scheinbar widersprüchlichen Trends zusammen?

Trend 1: Mensch und Maschine wachsen zusammen

Computer werden immer kleiner und leistungsfähiger. Von fast raumfüllenden Kisten bleibt nur noch ein Smartphone, eine Smartwatch oder eine Brille. Geräte, die wir jederzeit bei uns tragen und die wir mit Sensoren verknüpfen können, die am oder im Körper positioniert werden.

Menschen mit künstlichen Sensoren werden Cyborgs genannt. Was wir aus Science-Fiction-Romanen und -Filmen kennen, ist heute Realität.

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Mensch und Maschine wachsen zusammen.

Trend 2: Mensch und Maschine wachsen auseinander

Dem steht ein anderer Trend gegenüber. Routinejobs werden immer öfter von Computer, Algorithmen und Robotern übernommen. Mit Routinejobs sind repetitive Tätigkeiten gemeint. In diesem Artikel über die Auswirkungen der digitalen Transformation gehe ich ausführlich darauf ein.

Repetitive Tätigkeiten sind oft eintönig und wenig herausfordernd. Zum Beispiel Arbeiten am Fliessband, in der Fabrik aber durchaus auch Arbeiten im Büro.

Menschen wollen aber herausfordernde Tätigkeiten verrichten; gemäss der Selbstbestimmungstheorie von Deci/Ryan ist dies eine von drei psychischen Grundbedürfnissen des Menschen. Fehlt die Herausforderung, fühlen sich Menschen oft innerlich leer. Sie stumpfen ab. Ihr Verhalten wird selbst maschinenartig. Momos graue Herren lassen grüssen. Menschen, die maschinenartig funktionieren, sind psychisch belastet und führen kein erfülltes Leben.

Mensch und Maschine: Die Hierarchie dreht sich um – aber anders als du denkst.

Genau dies sollte nun bessern. Routinejobs verschwinden. Stattdessen entstehen viele Jobs, mit denen komplexe Probleme kollaborativ und kreativ gelöst werden sollen.

Dies sind Tätigkeiten, die der Computer (noch) nicht übernehmen kann. Der Mensch positioniert sich also neben dem Computer: Maschinen übernehmen maschinenartige, roboterartige Tätigkeiten, Menschen menschliche. Somit wird der Mensch befreit vom Maschinenartigen.

Mensch und Maschine wachsen auseinander.

In diesem Video gehe ich näher auf diese Sichtweise ein:

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Wie passen diese beiden Trends zusammen?

Was jetzt? Wachsen Mensch und Maschine zusammen oder auseinander?

Beides. Was sich ändert, ist das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. In der industrialisierten Zeit beherrschten Maschinen in der Regel eine Funktion. Der Mensch musste seine Tätigkeit, sein Verhalten dieser einen Funktion anpassen. Er wurde quasi programmiert, eine einzige Tätigkeit zuverlässig zu verrichten. Wie eine Maschine. Der Mensch nahm ein maschinenartiges Verhalten an.

Computer hingegen können vielfältig programmiert werden und haben verschiedenste Funktionen. Der Mensch wählt, welche Funktion er wann und in welcher Form für sich nutzen möchte. Der Computer als Maschine passt seine Tätigkeit dem Menschen an.

Was sind die Konsequenzen?

Neu kann also der Mensch besonders repetitive Tätigkeiten dem Computer delegieren. Zuvor musste der Mensch repetitive Tätigkeiten selbst erledigen. Das hat grosse Auswirkungen auf das Wohlbefinden. 

Gemäss der Selbstbestimmungstheorie der US-amerikanischen Forscher Edwin Deci und Richard Ryan haben Menschen drei psychische Grundbedürfnisse:

  • 1
    Sie wollen sich von ihrem Umfeld akzeptiert und geliebt fühlen, so wie sie sind.
  • 2
    Sie wollen bedeutungsvoll, nützlich, wirksam sein und so täglich wachsen und sich entfalten.
  • 3
    Und sie wollen selbst entscheiden können, um auszuleben, was ihrer Einzigartigkeit entspringt.

In einem Umfeld dominierender sich immer wiederholender Tätigkeiten können die psychischen Grundbedürfnisse kaum gestillt werden. Das Gefühl von Autonomie wird sich selten einstellen. Ebensowenig das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Und wie sieht es mit sozialer Eingebundenheit aus? Damit, so geschätzt und geliebt zu werden, wie man ist? Auch dieses Gefühl wird sich selten einstellen. Menschen werden bezahlt für eine spezifische Tätigkeit, der Mensch dahinter ist nur bedingt von Interesse, Hauptsache die eine Tätigkeit wird zuverlässig erfüllt.

Was bleibt, ist innere Leere.

Nun übernehmen Computer, Algorithmen, Roboter genau solche Routinetätigkeiten. Den Menschen bleibt das, was der Computer trotz seiner Vielfältigkeit nicht kann: Kreative Problemlöseaufgaben, die gemeinsam mit anderen gelöst werden wollen. Menschliche Tätigkeiten.

Solche Tätigkeiten verlangen nach einem ganz anderen Umfeld als etwa Fabrik- oder Verwaltungsarbeit des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein Umfeld des gegenseitigen Verstehens. Ein Umfeld, das Kreativität nährt. Ein Umfeld, das bestens geeignet ist, um die drei Grundbedürfnisse zu stillen. Um kreativ Probleme zu lösen, ist ein hoher Autonomiegrad notwendig. Solche Tätigkeiten sind herausfordernd, hinterlassen also ein Gefühl, etwas bewirken und wachsen zu können. Und das Miteinander bedingt gegenseitiges Verständnis, soziale Eingebundenheit.

Das Problem: Junge Menschen werden noch immer auf Leistung programmiert

Junge Menschen werden noch immer auf Leistung programmiert. Als ob sie in einer Fabrik oder einem Amt eine stereotype Tätigkeit werden verrichten müssen. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine längst umgekehrt: Nun programmieren Menschen Maschinen. Es gibt keinen Grund mehr, junge Menschen abzurichten für repetitive Tätigkeiten.

Wir können junge Menschen in ihrem natürlichen Zustand belassen. In ihrem Grundmodus. Im spielerischen Modus. Genau dieser Zustand ist perfekt, um gemeinsam kreativ Probleme zu lösen. Denn Spielen ist nichts anderes als kreativ Probleme lösen. Das Gute daran: Menschen fühlen sich nirgends so wohl, wie beim Spielen. Spielen ist der Königsweg, um glücklich zu sein.

Deshalb: Spielvermögen ist die Währung des 21. Jahrhunderts. Welche Wege hast du gefunden, um deine Kinder möglichst oft spielen zu lassen? Schaffst du es, sie nicht auf Leistung zu programmieren? Und hast du dir deinen natürlichen Zustand ohne Leistungsprogrammierung schon zurückerobert?


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Kommentare

  • Wolfgang Helmeth
    Lieber Nando,
    ich habe nie gearbeitet, sondern immer nur gespielt. Nun bin ich 76, und spiele mit Gedanken. Was ist Spiel? Das Spiel ist keine spezielle Tätigkeit, sondern eine Haltung, die man bei allen Tätigkeiten haben kann, oder nicht.
    Ich hatte Glück. Meine Mutter achtete mich, weil ich Wolfgang war, nicht weil ich besondere Noten hatte. In der Schule allerdings empfand ich eine Art „pädagogische Folter“. Ohne meine Mutter wäre ich wohl zerbrochen.
    Nun – die Neugierde das Tüfteln, meine Freunde aus vielen Kulturen, meine Reisen und Auslandstätigkeiten, meine vielfältigen Interessen, meine Familie, beruflichen und privaten Tätigkeiten stimmen mich zufrieden. Seit 1973 kann ich es nicht lassen, an einer zeitgemäßen Erziehungs- und Bildungskultur zu tüfteln. Ein langer „Roman“ – herausgekommen ist der http://www.Cleverle-Navi.de .

    Wann können wir uns mal wieder persönlich begegnen?

    Beste Grüße aus Denzlingen

    Wolfgang
    http://Www.visitenkarte.edeju.de – mit vielen weiteren Infos

    PS: An deinen 2020-Buchprojekt mache ich gerne mit!
    Es kommt auf die Eltern an…..

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    Sehnst du dich nach der Leichtigkeit von damals, als du als Kind spielend das Viertel unsicher gemacht hast?

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